Wir wollen nicht vergessen

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Jugendliche in Auschwitz und Birkenau unterwegs

Region (red). In der ersten Herbstferienwoche machte sich eine Gruppe Jugendlicher auf den weiten Weg nach Auschwitz. Mit fünf Treffen im Vorfeld der Reise waren die Jugendlichen aus Baumholder und Idar-Oberstein und vom evangelischen Paul-Schneider-Gymnasium in Meisenheim sowie aus Bad Kreuznach gut vorbereitet auf eine Zeitreise zurück, denn das, was eigentlich unbegreiflich ist, sollte durch die Fahrt „begreifbarer“ werden. Wir wollten Antworten finden, was der Holocaust noch heute mit uns zu tun hat. Auch wenn wir Reisenden alle nicht verantwortlich sind für das, was damals in Auschwitz und Birkenau geschah, wir sind aber auf jeden Fall verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird. Wenn wir also der Opfer des Nationalsozialismus in Auschwitz gedachten, dann wollten wir uns nicht nur gedanklich erinnern, so wie wir historische Fakten einfach zur Kenntnis nehmen und sie dann wieder beiseiteschieben. Die Reise war dazu angetan, sich nicht distanziert mit unserer Geschichte zu beschäftigen. Denn wer an den Ort des Grauens kommt und die Unmengen menschlicher Haare, Schuhe auch von Kleinkindern bewusst gesehen hat und den Gedanken zulässt, warum werden uns die Überbleibsel von Menschen gezeigt, in dessen Kopf kommen viele Fragen. Hätten das damals auch meine Haare sein können? Wäre vielleicht auch mein wenig Hab und Gut von den Nazis abgenommen worden? Oder würden meine Arme und Beine verschränkt mit denen anderer in dem Berg der Toten liegen, anonym und der Würde beraubt? Wäre auch mein Weg der vom Zug zum Verbrennungsofen gewesen?

Diese blutbesudelte Widerwärtigkeit sehen, mit ihr fertig werden, auch heute noch Tränen zulassen, das hat die Gruppe von Jugendlichen an sich herangelassen. Und dann war allen klar. Wir sind vor unserem Gewissen verantwortlich. Das ist der Satz, der immer gesagt wird. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch für unser Gewissen und dessen Ausprägung verantwortlich sind.

Insofern wollten wir uns nicht distanziert historisch, also rückwärtsgewandt, mit der Geschichte der Verstrickung beschäftigen, sondern suchten das Vergangene aus einem Interesse an der Gegenwart auf. Indem wir das tun, klagen wir in der Gegenwart eine andere Zukunft ein und gestalten diese mit.

Und so fuhren wir zunächst in die deutsch-polnische Stadt Görlitz-Zgorzelec und schauten insbesondere auf die jüdische Geschichte der Stadt und wie deutsch-polnische Freundschaft so vorankommt, dass die beiden Städte heute eigentlich wieder eine Stadt sein wollen. Durch den Besuch im STALAG VIII (Stammlager) wurde uns bewusst, dass Hitler seinen Krieg akribisch vorbereitet hatte und nichts dem Zufall überließ.

Kern der Reise waren jedoch Auschwitz als ein Ort, der die Erinnerungen brachte und Birkenau, der sich uns in seinem Ausmaß als ein Ort der unvorstellbaren Barbarei in den Köpfen festsetzte und uns das Thema der Verantwortung thematisch aufdrängte.

Zwar liegt das Geschehene über 70 Jahre zurück; dennoch wurde uns mit jedem Schritt auf dem Boden des Unvorstellbaren das unbegreifliche Leid der über 1.000.000 Kinder, Frauen und Männer vor Augen geführt. An diesem Ort ist die Stille nicht still. Das Weinen der vielen Kinder lässt sich noch hören, der Schmerz der getrennten Familien lässt einen erstarren.

Geschichten haben wir gehört, die nicht von dieser Welt sein können und doch sind sie wahr. „Wünsche, Hoffnungen und Tragödien liegen hier auf ewig begraben – wir dürfen sie nicht vergessen!“, so Theresa Troll, eine Teilnehmerin, die bereits zum zweiten Mal an dieser Fahrt teilnahm.

Schockiert hatte uns die Ignoranz vieler Gedenkstättenbesucher in Birkenau, die ihre Botschaften in die Kreidewand einer Kinderbaracke ritzen mussten. Liebesbezeugungen zu Fußballvereinen und Anwesenheitsbekundungen säumten die Wände. An gleicher Stelle trauerten Tausende Kinder über den Verlust ihrer Familien und warteten auf ihren sicheren Tod. Die Gedankenlosigkeit mancher „Gedenkstättentouristen“ ließ uns an diesem Ort für einen Moment sprachlos werden. Doch zugleich stärkte uns dieses Erlebnis in unserem Willen, den Mund gegen schreiende Ungerechtigkeit zu öffnen.

Die polnische Stadt Oświęcim, die in direkter Nähe zu Auschwitz liegt, ist zu einer polnischen Stadt geworden, die sich bewusst ist, dass sie in nächster Nähe zu einem grauenvollen Ort liegt, aber eben sich nicht vom deutschen Namen „Auschwitz“ her beschreiben lassen will. In Gesprächen mit Einwohnern lernten wir auch die Normalität, den Alltag dieses Ortes kennen.

Ganz besonders interessant, war eine Führung über die Kunstszene <s>in</s> im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, der zum ersten Mal in Krakau  auch eine Ausstellung gewidmet war. Gemälde von Häftlingen ließen ihre Gefühle und ihre Hoffnungslosigkeit lebendig werden. Neben der Kunstausstellung suchten wir Schauplätze von „Schindlers Liste“ auf und besuchten das jüdische Viertel (60% der Einwohner Krakaus waren in der Vergangenheit Juden). Über viele Jahre organisiert Diakon Andreas Duhrmann aus der Ev. Kirchengemeinde Baumholder diese Studienfahrt. Die daraus entstandenen persönlichen Kontakte und Freundschaften durfte die Gruppe als Geschenk der sich vertiefenden deutsch-polnischen Gastfreundschaft erleben. Uns wurde zwar auch schmerzlich bewusst, dass diese Freundschaft noch nicht überall zu Hause ist, sich aber vertieft. Die Rückfahrt führte uns zu einer intensiven Auswertung der Reise nach Dresden, wo wir auch die Frauenkirche als ein Symbol des Weltfriedens wahrnehmen konnten.

Den meisten Mitreisenden ist es vielleicht so gegangen, dass sie sich so weit kennen, um sicher zu sein, dass sie nicht zu den Verfolgern oder Schlächtern gezählt hätten. Aber letztlich bleibt eben doch eine minimale Unsicherheit, ab wann ich meine gute Theorie von Gut und Böse über den Haufen werfe. Die Reise mit all seinen Erlebnissen und tiefen Gesprächen hat gezeigt, dass alle ein Vertrauen in sich selbst gefunden haben, den Mut zur Zivilcourage aufzubringen.

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