Medizinische Hilfe durch INTERPLAST

Zurück von ihrem Interplast Einsatz berichten André und Eva Borsche von Ihren Eindrücken aus Indien, wo sie 2 Wochen in einer Armenregion operiert haben. Foto: privat

Im Herzen Indiens 165 Eingriffe im neuen Operationssaal durchgeführt

Bad Kreuznach (red). Zum dritten Mal führte ein Bad Kreuznacher INTERPLAST-Einsatz in das 50.000 Seelenstädtchen Shevgaon im Bundesstaat Maharastra, einer Armenregion im Herzen Indiens. In den letzten 4 Monaten hatte Pater Prakash dort in 27 Dörfern die Kunde verbreitet, dass wieder ein deutsches Ärzteteam kommen wird, um den Bedürftigen und Ausgestoßenen zu helfen, die sonst keine Chance auf eine adäquate medizinische Versorgung hätten.

Mit kiloschweren Koffern, Kisten voll medizinischen Material und von Kindern gespendeten Kuscheltieren brachen der kreuznacher Teamleiter Dr. André Borsche, seine Frau Eva als Allgemeinärztin und ihre Tochter Mailin als angehende Chirurgin auf, um während ihres Urlaubs operative Hilfe zu leisten.  Unterstützt wurden sie von den beiden Anästhesistinnen Dr. Gabi La Rosée und Dr. Elke Berkenbrink aus Essen und Marianne van Deest aus München als OP-Schwester.

Als sich nach der zweitägigen Anreise das schwere Tor zum Innenhof des mit Bougainvillee  um- wachsenen Nityasheva Krankenhauses für die Interplastärzte öffnete, warteten  schon 120 Hilfesuchende geduldig auf dem Boden hockend in der sengenden Mittagssonne vor dem kleinen Konsultationsräumchen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit waren schon viele Patienten für das OP Programm der nächsten zwei Wochen ausgesucht, doch erst die Hälfte der Patienten hatte vorgesprochen. Unruhe und Raunen ging durch die Reihen, bis am nächsten Morgen dann alle zufrieden gestellt wurden: 76 Patienten wurden aufgenommen, einige fürs nächste Jahr eingeplant und einige wenige mussten erfahren, dass ihrem Kind  zum Beispiel wegen schwerer neurologischer Probleme, mit einer Operation nicht geholfen werden könne. Leider mangelt es in den ländlichen Bereichen Indiens nicht nur an Plastischen Chirurgen, sondern an jeder Art von Langzeitversorgung für Kinder mit Behinderungen. Die einzige physiotherapeutisch ausgebildete Schwester des  für 100 000 Einwohner zuständigen 400 Betten Krankenhauses war vor einen halben Jahr versetzt worden.

Während noch die Patientenauswahl lief, hatten Marianne van Deest und Mailin Borsche inzwischen die Kisten und Koffer geleert, das vorhandene Medikamentenlager inspiziert und den blitzsauberen, vor einem Jahr mit Interplastgeldern neu errichteten Operationssaal bestückt. Die Anästhesie bereitete alles minutiös vor und prüfte die Gerätschaften, damit es gleich am nächsten Tag mit den Operationen losgehen konnte. Aufgrund der vorbildlichen Zusammenarbeit mit den indischen Ordensschwestern und Pflegeschülerinnen war es dem Team möglich insgesamt 165 Eingriffe durchzuführen.

Diesmal durften die operierten Patienten nach ihren zum Teil schweren Operationen noch etwas länger im Krankenhaus bleiben. Sie konnten sich so von ihrem schweren  Alltag als Steineklopfer  oder Lastenträgerinnen erholen, wurden verpflegt und der Heilungsprozess aktiv unterstützt.

Die Beobachtung, dass diese intensive Pflegezeit das Heilungsergebnis doch so positiv beeinflusste,  bewog uns auch am letzten Tag dem Krankenhaus Spendengelder in Höhe von 5000 Euro zur Neubeschaffung von 25 Betten mit verstellbarem Fuß- und Kopfteil  zur Verfügung zu stellen. Patienten, die  an Kopf und Hals operiert waren, gesundeten deutlich schneller, wenn sie während der ersten drei  Tage danach mit erhöhtem Kopfteil ruhen konnten. Das betraf zum Beispiel  die 4 kleinen Jungen mit Lippen- oder Gaumenspalten. Auch die fünf Jugendlichen, deren fehlgebildete Nase endlich korrigiert wurde, und die  einige Tage später nach Entfernung der Verbände verschämt, doch tief beglückt und voller Dankbarkeit  ihr neues Gesicht im kleinen Handspiegel betrachteten.

Auch die 34jährige, deren Augenbrauen, Lider und Stirn vom Biss eines tollwütigen Hundes zerfetzt waren, musste drei Tage ihren Kopf auf einen Kissenturm stützen. Die heuer durchgeführte Operation rettete die Sehfähigkeit ihres linken Auges. Zur Korrektur der weiteren Narben hat sie sich schon für das nächste Jahr angemeldet.

Das wichtigste Thema dieses Einsatzes aber waren die Schäden nach  Verbrennungsunglücken. Vor allem Frauen, die akut unsägliche Schmerzen durch die riesigen verbrannten Wundflächen erlitten hatten, mussten am lebendigen Leibe miterleben, wie  über viele Monate hinweg die Narben zu einem Narbengewebspanzer  schrumpften und  mit unerbittlicher Gewalt nach und nach den Kopf auf die Brust, die Hände zur Faust oder den Unter- an den Oberarm fesselten.

Wie glücklich und dankbar zeigten die Betroffenen nach erfolgreicher Operation ihren neu gewonnenen Bewegungsspielraum!  Dank eines Schwenklappens in die Ellenbeuge konnte nun der Arm  gestreckt und der Wassereimer wieder getragen werden. Nach einer Hauttransplantation am Hals war es ihnen wieder möglich, den Kopf zu heben und dem Gesprächspartner auf Augenhöhe zu begegnen. Nach diffiziler Aufrichtung der verbrannten Fingerchen war die Fünfjährige nun bald in der Lage, die ersten Schreibübungen zu unternehmen.

Am glücklichsten aber war der Familienvater, der seit sieben Jahren seine Unterlippe nicht mehr schließen und daher nur liegend Nahrung und Getränke zu sich nehmen konnte. Nach einer Sehnentransplantation aus dem  rechten Oberschenkel zur Aufrichtung der Unterlippe war es ihm nun möglich, am Tisch sitzend gemeinsam mit Frau und Kindern, Freunden und Verwandten zu speisen. Am letzten Abend wurde das Team nicht nur von ihm, seiner Familie und vielen Patienten mit Blumen, Kokosnüssen und Ehrenschals bedacht, auch die Ordensschwestern brachten Geschenke, und die Pflegeschülerinnen bedankten sich mit einer farbenfrohen Tanzvorführung.

Dass nicht nur medizinische Hilfe mehrere Dorfgemeinschaften von Alltagsleid befreien kann, davon überzeugten wir uns auf der Rückreise, als wir in dem besonders von Trockenheit geplagten Landstrich einen frisch gebohrten Dorfbrunnen bewunderten. Die vom Verein Love Learn Live aus Boos unter Gisela Nikodemus und Dr. Petra Carqueville  gesponserten solarbetriebenen Pumpwerke erleichtern das Leben besonders der Frauen, die bisher das karge Nass in Krügen auf dem Kopf über Kilometer aus dem Nachbardorf holen mussten.

Erfüllt von tiefer  Dankbarkeit über den fruchtbaren Boden auf den unsere Hilfstätigkeit diesmal viel traten wir glückselig mit leeren Koffern und übervollen Herzen die Rückreise an.

Namaste  Shevgaon, auf Wiedersehen im nächsten Jahr.

Eva und André Borsche

 

 

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