Sozialstation leidet unter Bürokratie und praxisfernen Vorgaben

Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Staatsministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie, besuchte in Begleitung des Landtagsabgeorndeten Dr. Dennis Alt die „sozialstation nahe“ in Hargesheim. Foto: Norbert Krupp

HARGESHEIM. Über die Arbeit der „sozialstation nahe“ sowie deren bürokratischen Hemmnisse informierten sich jetzt Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Staatsministerin für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz, und SPD-Landtagsabgeordneter Dr. Dennis Alt. Zuerst wurde den Gästen das Gebäude der Sozialstation sowie deren Gruppen zur Tagespflege und Betreuung von alten und kranken Menschen präsentiert. Diese sind wichtig, um betreuende Angehörige tages- oder stundenweise zu entlasten und diesen ein Minimum an persönlicher Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. Die der Sozialstation anvertrauten Menschen können auf Wunsch sogar durch den eigenen Fahrdienst zuhause abgeholt und anschließend wieder zurückgebracht werden. Die Zeit in der Sozialstation vergeht für die Senioren wie im Flug, wenn gemeinsam gespielt, gesungen, gebastelt oder auch nur erzählt wird. Ehrenamtliche Helfer unterstützen die Fachkräfte bei der Durchführung des Programms und durch intensive Zuwendung zu den mehr oder minder hilfsbedürftigen Gästen.

Michael Prinz zu Salm-Salm stellte der Ministerin in seiner Eigenschaft als Aufsichtsratsvorsitzender in die Sozialstation vor, die nach drei Fusionen inzwischen drei Viertel des Kreises Bad Kreuznach abdecke, indem durch 250 Fachkräfte rund 1800 Kunden ambulant gepflegt werden.

Bürgermeister Markus Lüttger, der sich als Vorsitzender des Fördervereins „Aktion Füreinander“ engagiert, verdeutlichte mit einem Fall aus der Praxis, wie wichtig deren Hilfe für sozial schwache oder vereinsamte Menschen sei. Die AF habe inzwischen in zwölf Jahren rund 600.000 Euro zur Anschaffung von Fahrzeugen und Mobiliar sowie zur Finanzierung von Pflegedienstleistungen bewegt, dank Beiträgen treuer Mitglieder und vieler Spender.

Lüttger verwies auf das Problem des ländlichen Raumes: Wenn eine Pflegekraft 18 oder 20 Kilometer fahre, um für 7,41 Euro einen Verband zu wechseln, sei dies nicht kostendeckend. „Das können wird auch als Förderverein nicht alles kompensieren“, sagte der AF-Vorsitzende.

Die Pflegedienstleiter der Sozialstation sprachen an, wo ihnen im Alltag der Schuh drückt. Sabine Pütz, die stellvertretende Geschäftsführerin, berichtete über Veränderungen in den vergangenen 20 Jahren: Die Pflegepersonen, also die Kinder, auf die man sich im Alter verlassen habe, seien meist weggezogen. Sie erwarteten von der Sozialstation ein „Rundum-sorglos-Paket“, dass diese aber so nicht bieten könne. Es erschwere auch die notwendige Kommunikation mit den Angehörigen, wenn keine Pflegeperson mehr am Ort des Patienten lebe. Die Vorschriften über Absprachen seien dann kaum noch einzuhalten. Oft fehle auch ein professioneller Partner in der Versorgung – also ein Hausarzt. Immer mehr Pflegebedürftige haben gar keinen Hausarzt mehr, und Hausbesuche seien die Ausnahme. Um aber, zum Beispiel nach Krankenhausaufenthalten, die Behandlung professionell fortführen zu können, benötige man die Verordnungen durch einen Hausarzt.

Bei Aufgaben wie der Wundversorgung, die von den Hausärzten nicht unbedingt als ihr Thema angesehen werde, verfüge die Sozialstation über als „Wundmanager“ ausgebildete Fachkräfte, die selbst entscheiden könnten, was sinnvoll wäre. Die Krankenkassen bestimmten immer mehr, wie die Hausärzte die Therapien anlegen sollen – auch dies verursache Probleme im ambulanten Bereich.

Schwierig sei es auch, neue Bewerber zu finden, denn die diesen wichtige Work-Life-Balance sei mit Nacht- und Wochenenddiensten kaum darstellbar. Die Sozialstation versuche durch viel Flexibilität in den Dienstplänen die Wünsche der Interessenten zu finden, die Bezahlung stehe dabei nicht im Vordergrund. Auch die Bürokratie gehe zu Lasten der Menschen, die eigentlich diese Zeit bräuchten. Die Digitalisierung sei leider noch nicht durchgängig nutzbar. „Da sind wir in Deutschland noch richtig schlecht“, bestätigte die Ministerin mit Blick auf Medizinischen Dienst und Krankenkassen.

Bei einem speziellen Personalproblem bat Geschäftsführerin Corinna Wirth um Unterstützung der Ministerin. Bätzing-Lichtenthäler versprach, bei einem Gespräch zwischen ADD Neustadt und Sozialstation zu vermitteln.

„Wir wollen unsere Region erhalten, damit wir hier in einem gewohnten sozialen Umfeld alt werden können. Aber wir spüren immer mehr, dass es sehr schwierig ist, die notwendigen Strukturen zu sichern. Es wird immer mühsamer, genug Fachkräfte für die ambulante Pflege zu gewinnen“, berichtete Wirth.

Ministerin Bätzing-Lichtenthäler bedankte sich auch für die Eindrücke, die beim Rundgang durch Tagespflege- und Betreuungsgruppen gewinnen durfte. Das Input aus der Praxis sei für die Landesregierung wichtig, denn bei einem Flächenland stehe man vor einer besonderen Herausforderung. „Wir wollen keine Region abschreiben“, sagte sie trotz der bekannt großen Herausforderungen.

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