"Wir müssen anders bauen"

Podiumsdiskussion zum Thema sinnvoller und kostengünstiger Wohnungsbau mit (vlnr) Roswitha Sinz (VdW Rheinland Westfalen, Karl-Heinz Seeger (GewoBau), OB Dr. Heike Kaster-Meurer, Dr. Stephan Weinberg (Ministerium für Finanzen), Michael Back (ISB), Stefan Messemer (BPD Immobilien). Foto: Edgar Daudistel

Podiumsdiskussion der Gewobau und Stadt über sinnvolle Vorgaben im Wohnungsbau

Bad Kreuznach (dd). Oberbürgermeisterin Heike Kaster-Meurer brachte es bereits eingangs der Podiumsdiskussion auf den Punkt: „Wir müssen in Zukunft so bauen, dass gut Verdiener und die Krankenschwester oder Erzieherin nachbarlich nebeneinander wohnen. Viele Menschen wünschen sich gemischte Quartiere um ein gutes Miteinander und Leben in der Stadt zu haben.“ Die Gewobau sorge dafür, dass es ein lebenswertes Umfeld gibt. Es gäbe in Bad Kreuznach tolle Wohngebiete für gut verdienende Menschen, aber auch gemischte Wohngebiete. Ob das, was heute gemacht wird, richtig war, wird sich erst später herausstellen.

Gemeinsam hatte die Stadt und die Gewobau zu einer Diskussionsveranstaltung mit Vertretern aus Wirtschaft, Ministerium und Verbänden unter der Überschrift „Wir müssen anders bauen“ eingeladen. Hochkarätig war das Podium besetzt. Neben der Oberbürgermeisterin mit dem Geschäftsführer der Gewobau, Karl-Heinz Seeger, Staatssekretär Stephan Weinberg, der Referentin für Stadtentwicklung Roswitha Sinz, Michael Back von der ISB und Stefan Messemer von der DPD Immobilienentwicklung. Alle hatten die gleiche Aussage im Gepäck: „Wohnen muss attraktiv und bezahlbar sein“. Kostentreiber beim Bauen seien gesetzliche Bestimmungen und Anforderungen im Wohnungsbau, so beim Brandschutz und der Energieeinsparverordnung. Ein konzentriertes Vorgehen beim Wohnungsbau sei sinnvoll um die Kosten zu bündeln. Quartiere im Lebensraum Stadt gelte es sinnvoll zu gestalten und zu managen.

Wohnen sei kein Luxus, müsse aber bezahlbar sein, so Staatssekretär Weinberg vom Finanzministerium. Bauen und Wohnen sei für die Landesregierung ein wichtiges Thema, sowohl im ländlichen Raum als auch in den Städten. Hoch sei die Bautätigkeit in Bad Kreuznach. 547 Anträge im Bereich der sozialen Wohnraumförderung in diesem Jahre sprechen ein klares Wort. Das Land fördere den Wohnungsbau mit Tilgungszuschüssen, einem Geschenk des Landes. Sache der Kommunen sei es, Bauland zur Verfügung zu stellen.

„Das Rad muss im sozialen Wohnungsbau nicht neu erfunden werden“, so der Geschäftsführer der Gewobau, Karl-Heinz Seeger. Co-Housing nach skandinavischem Vorbild, Gemeinschaftsräume, Außentreppen statt Aufzüge, Reihenhäuser mit Hofgärten, Ausbau durch Mieter statt schlüsselfähiger Bezug lassen die Baukosten sinken. Das angestaubte Image von städtischen Wohnungsbaugesellschaften als kommunaler Kostenverursacher indes lässt Seeger nicht gelten. Die Gewobau habe 2015 einen Jahresüberschuss von 1,3 Millionen Euro erzielt und sei nicht nur Verwalter, sondern auch Gestalter von Wohn- und Lebensraum.

„Es gibt Förderangebote für Selbstnutzer und denjenigen, der Mietwohnraum beispielsweise durch Neubau, Aufstockung oder Erweiterung schafft“, verdeutlichte Michael Back, von der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB). Die ISB stelle Darlehen zur Schaffung von Mietwohnraum mit einer Nullzinsphase von bis zu zehn Jahren zur Verfügung. Seit Anfang des Jahres fördere die ISB darüber hinaus mit Tilgungszuschüssen in Höhe von bis zu 25 Prozent des Darlehens Investitionen im sozialen Mietwohnungsbau. Die Einkommensgrenzen seien so bemessen, dass große Teile der Bevölkerung Anspruch auf Förderung haben; junge Familien mit mittlerem Einkommen stünden hier im Fokus.

Stefan Messemer von der BPD Immobilienentwicklung empfiehlt, gemeinsam mit den Kunden zu überlegen, wo in der Fläche und bei der Ausstattung gespart werden kann. Vielleicht bei der Größe eines Wohnzimmers oder der Badezimmerausstattung. Hier sei die holländische Bauweise ein preiswertes Konzept.

Das Wohnumfeld habe sich zum Lebensumfeld erweitert, die Versorgung im Alltag der Familie, etwa bei Kindergartenplätzen oder Pflegestützpunkten für ältere Bewohner, an Bedeutung gewonnen, so Roswitha Sinz. Strenge Richtlinien, die den Ausbau des Rohbaus verteuerten, seien den verschiedensten Interessen geschuldet, die sich im Wohnungsbau bündelten. Man müsse daran gehen diese Interessen und Forderungen weniger schematisch umzusetzen. Zum Beispiel in der Frage von Parkplätzen. Wenn das Mobilitätsverhalten sich ändere, könne man die Stellplatzverordnung anpassen. Sinz brachte auch das sogenannte „Bielefelder Modell“ ins Gespräch.

Die Besonderheit des "Bielefelder Modells" ist ein quartiersbezogener Ansatz des Wohnens mit Versorgungssicherheit ohne Betreuungspauschale. Einbezogen in bestehende Wohnquartiere und in guter infrastruktureller Anbindung gibt es für älteren Menschen oder Menschen mit Behinderung komfortable und barrierefreie Wohnungen. Kombiniert ist dieses Angebot mit einem Wohncafé als Treffpunkt und Ort der Kommunikation, der allen Menschen in der Nachbarschaft offen steht. Gleichzeitig ist ein sozialer Dienstleister mit einem Servicestützpunkt und einem umfassenden Leistungsangebot rund um die Uhr im Quartier präsent. Alle Mieter können auf die Hilfs- und Betreuungsangebote zurückgreifen, müssen diese aber nur im tatsächlichen Bedarfsfall bezahlen.