Ein Stück Kreuznacher Kulturgeschichte

Inge Rossbach früher und heute: Sie liebt Goethe.

Inge Rossbach früher: Die Regisseurin erklärt eine Szene.

Inge Rossbach hört mit der VHS-Theatergruppe auf / Ein Besuch

 

Bad Kreuznach. In Inge Rossbachs Zuhause mit Blick auf die Brückenhäuser schlägt das Herz des Kultur- und Literaturliebhabers direkt höher. Vom Biedermeierschränkchen über das Klavier, die Gemälde, die ihre Mutter und deren Schwester mit dem Patenonkel zeigen, die wandhohen Regale voller Bücher bis hin zum Porzellan auf dem Kaffeetisch.

„Dies ist die Goethe-Ecke“, erklärt die Theaterdame, „hier ist Schiller, da Shakespeare, also die englische Ecke und hier sind die französischen Theaterstücke.“

Ich interessiere mich für die Bücherecke und darf durch wirklich alte Schätze schmökern. Meinen Favoriten ziehe ich aus der zweiten Reihe des Schrankes: Carl Friedrich Pockels Klassiker aus dem 18. Jahrhundert: „Versuch einer Charakteristik des weiblichen Geschlechts“.

Es ist eigentlich ein schöner Termin bei Inge Rossbach, die ich vergangene Woche besuchen durfte, auch wenn mich der Anlass meines Besuches betrübt: Inge Rossbach hat sich von ihrer Arbeit als Leiterin der Theatergruppe „art vor ort“ verabschiedet. 52 Jahre lang hat sie im Auftrag der Volkshochschule gearbeitet, zu jedem Halbjahr der Schule eine Theatergruppe geleitet und mit den Schauspielern über 330 Inszenierungen und Programme gestaltet, die alle mehrfach gespielt wurden.

Es sei Zeit, aufzuhören. Ihr Elan spiele nicht mehr so mit – alles ist beschwerlich. Und auch die Art, wie so manche Schüler an das Theaterspielen herangingen, machte Inge Rossbach zu schaffen. „Man kann heute nur noch Wenige für Stellproben und Phonetik begeistern“, hat sie festgestellt und erinnert an den Klassiker der Spracherziehung „Barbara saß nah am Abhang“ und daran, dass Theaterspielen vor allem viel Arbeit ist. Ein Proberaum stehe auch nicht mehr kos­tenlos zur Verfügung, und niemand mehr, der die Theaterleute schminkt. „Die richtige Schminke zur richtigen Figur ist aber die halbe Miete.“

Mit dem Ende von „art vor ort“ geht auch ein gutes Stück Kreuznacher Kulturgeschichte zu Ende. Die Truppe „art vor ort“ hat sich immer abwechselnd einem klassischen Stück und einem Märchen gewidmet. Besonders die Stücke mit lokalem Bezug wie Faust und Michel Mort haben es der Wahl-Bad Kreuznacherin angetan. Bühne durfte dabei alles sein: die Bühne eines Saals, ein Schulhof, der Eiermarkt, das Feldbahnmuseum in Guldental, die Roseninsel und vieles mehr.

Geboren wurde die rührige Theaterdame in Weimar, der Schiller- und Goethestadt. Als Kind stand sie zum ersten Mal auf der Bühne des Staatstheaters, allerdings noch mit einer Statistenrolle. Sie besuchte die Schauspielschule und bekam schon bald sehr große Rollen in Bühnenklassikern – Maria Stuart und die Jungfrau von Orleans. „Dann hieß es, ich müsse, um weiter große Rollen zu bekommen, in die Partei eintreten. Da bin ich westwärts zu meinen Verwandten.“ 1962 nahm Inge Rossbach ein Engagement im Neuen Theater Bad Kreuznach an  und spielte unter Roland Müller-Stein. Das Theater musste schließen, Inge Rossbach blieb. Warum? Sie mag die Menschen hier. „Die sind irgendwie lustiger als anderswo“, findet sie, „das macht vielleicht der Wein.“ Sie erinnert sich noch gut an launige Abende in der Weinwirtschaft im Brückenhaus mit lustigem Programm und leckerer Speise. Heute liebt sie es, auf dem Wochenmarkt mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Das letzte Stück, das die Theatergruppe „art vor ort“ aufgeführt hat, war das Märchen „Prinzessin Grenzenlos“ von Peter Futterschneider. Grenzenlos – das passt zu der vielgereisten Inge Rossbach, der auch die Partnerschaft zur Theatergruppe aus dem französischen Bourg-en-Bresse besonders am Herzen liegt. Seit 1985 besuchen sich die „art-vor-ort“-Spieler und die Theaterleute aus der Partnerstadt von Bad Kreuznach, in der es ein großartiges Schauspielhaus gibt, in dem „art vor ort“ auch gespielt hat.

Und welches Haus besucht Inge Rossbach hier in ihrer Heimatstadt? Nun, sie geht ins Haus des Gastes, genauer in das Gesundheitszentrum im Haus des Gastes, um sich mit Gerätetraining fit zu halten. Und auch in der Kunstwerkstatt auf der Nahebrücke hat sie einiges gefunden, das sie interessiert.  Der Eurythmie-Workshop hat es ihr besonders angetan: „Mal schauen – das hält mich nämlich auch gelenkig!“

Langweilig wird es ihr also nicht werden, dafür ist sie viel zu interessiert und umtriebig. Das ist übrigens nicht nur mir aufgefallen; Inge Rossbach ist mehrfach ausgezeichnet. Sie ist Trägerin der Ehrenmedaille der Stadt und des Bundesverdienstkreuzes.