Angeklagte bestreiten alle Vorwürfe

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Giesler-Überfall: Prozessauftakt offenbart Ermittlungsschwächen

von Marian Ristow

Bad Kreuznach. Bevor die Zeugenvernehmung startete, versuchte Richter Dr. Bruno Kremer den beiden Angeklagten Alexander H. (29 Jahre alt) und Dimitri M. (34), beide gebürtige Kasachen, ins Gewissen zu reden. „Es geht hier um eine schlimme Tat. Die Kammer geht nicht davon aus, dass Sie selbst geschossen haben, wir raten aber Ihnen aber dringend zu reden, falls Sie in die Tat verstrickt sein sollten. Tun sie das, ist das Gericht bereit Ihnen extrem entgegenzukommen“, machte Kremer eine Einlassung schmackhaft. Bei einem Prozess, in dem die beiden Russlanddeutschen ihre Mittäterschaft bestreiten, sei an Strafmaß nahezu alles drin. Die Staatsanwaltschaft verfüge über Abhörprotokolle und wisse, dass das Handy eines der Täter zum Tatzeitpunkt in Tatortnähe im Mobilfunknetz eingeloggt gewesen sei, umriss der Vorsitzende der Strafkammer die Beweislage. „Wir haben hier vor kurzem den Raubüberfall auf eine Lidl-Filiale verhandelt. Wir kennen da keine Gnade. Wenn Sie aber mithelfen, die Täter zu fassen, ist eine doppelte Minderung des Strafmaßes drin“, bot Kremer ungewohnt offen an.

Die drei anderen Täter, die den Juwelier stürmten, womöglich Litauer, zwei Schüsse abgaben und mit einer Axt das Schaufenster zertrümmerten, sind weiter flüchtig. Die beiden in Kaiserlautern aufgewachsenen Kasachen stehen im Verdacht die Drahtzieher des Überfalls gewesen zu sein.

Spektakulärer Überfall am helllichten Tag

Das Zureden des Richters zeigte keine Wirkung. Die Verteidigung blieb bei ihrer ursprünglichen Haltung. Die beiden Angeklagten, von denen Dimitri M. mehrfach einschlägig vorbestraft ist, bestritten jegliche Vorwürfe.

Ein Rückblick: Am 19. August 2013, dem Jahrmarktsmontag, stürmten am späten Nachmittag drei Männer das Juweliergeschäft Giesler in der Mannheimer Straße. Zwei Männer betraten das Geschäft und bedrohten den Inhaber mit einer Schusswaffe, ein Dritter schlug von Außen das Schaufenster ein. Im Juweliergeschäft, das schon öfter überfallen würde, befand sich ein Sicherheitsmann, der die Täter unter vorgehaltener Waffe zum Aufgeben zwingen wollte. Der Täter gab zwei Schüsse in Richtung des Sicherheitsmannes ab, ein Schuss verfehlte seinen Kopf nur knapp. Nachdem der Securitymann mehrere Warnschüsse abgab, flohen die Täter unverrichteter Dinge. Auf ihrer Flucht baute das Trio einen Unfall. Das Fluchtauto, einen grünen Rover mit Kaiserlauterer Kennzeichen, fand man Tage später in der Nähe von Rockenhausen. Von den Drei fehlt bis heute jede Spur. Der Fall wurde ausführlich in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ vorgestellt.

Richter über ermittlungstaktisches Stückwerk entsetzt

Und eines wurde bereits zu Prozessbeginn deutlich: Die involvierten Polizeibeamten aus Bad Kreuznach, Mainz und Rockenhausen haben sich bei den Ermittlungen nicht mit Ruhm bekleckert. Richter Bruno Kremer kritisierte die verrichtete Ermittlungsarbeit als „extrem schlecht“ und war ob der Schwere des Deliktes äußerst verwundert darüber, dass die Bad Kreuznacher Beamten keine Ermittlungsgruppe bildeten und auch der leitende Sachbearbeiter auf Rückfrage keine dezidierten Informationen am Telefon vermitteln konnte. Neben „kleineren“ formellen Fehlern, nicht unterzeichneten Aktenvermerken und ungünstigen Personalkonstellationen, zum Beispiel wurden Zeugen zu zweit verhört, erlaubten sich die Ermittler auch einen äußerst schwer nachvollziehbaren Fauxpas: Der letzte Halter des Fluchfahrzeugs  Michail D., ein 38-jähriger vorbestrafter Litauer, der nach Einschätzung der Richter, dem Täter, der im Juweliergeschäft um sich schoss, „nicht unähnlich“ sieht, war selbst drei Jahre nach der Tat noch nicht Teil einer Gegenüberstellung. D. sitzt zurzeit wegen eines anderen Deliktes in der JVA Frankenthal ein. Weder dem Wachmann des Juweliers noch dem Juwelier selbst wurden Fotos von D. gezeigt, der ergo bis heute in der Sache lediglich als Zeuge fungiert. D. verweigerte vor Gericht die Aussage. Wohl auch, um sich nicht selbst zu belasten.

Zeugin gibt Rätsel auf

Eine ebenfalls umstrittene Rolle in dem Fall spielt Karina B. (36). Einen der mutmaßlichen Täter und Litauer will die Hauptzeugin, Karina B. (36), die Ex-Freundin von Alexander H., in dessen Haus gesehen haben. Die 36-Jährige Mutter von vier Kindern, die aktuell wegen Urkundenfälschung und Betrug in der JVA Rohrbach einsitzt, lernte H. im Internet kennen und begann eine Beziehung mit dem mutmaßlichen Drahtzieher. Gegenüber ihr sollen beide Angeklagte mit dem Überfall geprahlt haben und später von ihr gefordert haben, einen der Litauer bei sich zu verstecken oder zumindest Geld für dessen Abreise locker zu machen. Die Zeugin, die sich von den beiden Angeklagten unter Druck gesetzt fühlte, tat Gegenteiliges: Sie lief zur Polizei.

Vor Gericht verhedderte sich Karina B. in Widersprüche. Vor allem der zeitliche Ablauf, den sie der Kammer schilderte, passte nicht zu ihrer damaligen Polizeiaussage, die zu allem Überfluss formelle den aufnehmenden Beatmen geschuldete Fehler enthält. Das nahm die Verteidigung, die Rechtanwälte Jürgen Schäfer und Sina Ludwig, zum Anlass, die sichtlich überforderte Zeugin einem mehrstündigen, zermürbenden Kreuzverhör zu unterziehen, das letztlich zu keinerlei Ergebnis führte.

Inzwischen ist aber klar, dass es sich bei dem litauischen Staatsbürger, den die Zeugin im Haus von H. gesehen hat, um den nach Frankreich ausgelieferten Albertas I. handelte. I. wurde per internationalem Haftbefehl gesucht. Wegen einem brutalen Raubüberfall auf einen französischen Juwelier. Die Verhandlung wird fortgesetzt.